Die größte Herausforderung, die dauerhaftes Homeoffice gefährdet


Michael Kästner: Warst du darauf vorbereitet alle Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken? Wie hat sich die Situation für dein Unternehmen in den letzten Monaten entwickelt?

Steven Rau: Wir haben unsere Zentrale in Berlin und wachsen hier ganz rasant. Die Arbeit vor Ort hat sich bewährt. So können wir die Mitarbeiter besser coachen und haben kürzere Wege, um auf technische Herausforderungen zu reagieren. Zudem schätzen unsere Mitarbeiter den Kontakt zu anderen Kolleginnen und Kollegen.

Ende Februar, Anfang März 2020 bot für uns eine sehr dramatische Situation. Es bestand immer das Risiko, die komplette Firma zu schließen, sollte eine Covid-19 Erkrankung in unserem Team auftreten.

Natürlich ist man als Unternehmen nicht auf diese Situation vorbereitet. Aber weil wir uns als Unternehmen in der Verantwortung gesehen haben, wollten wir alle kurzfristig ins Homeoffice schicken. 

Da es nicht denkbar war, spontan 150 Laptops zu bestellen, haben wir das ganze Setup für knappe 140 Mitarbeiter vor Ort abgebaut, in Kisten gepackt und persönlich ausgeliefert.

Zusätzlich mussten wir die Datenschutz-Auflagen mit unseren Auftraggebern abstimmen. Diese im Homeoffice umzusetzen ist eine riesige Herausforderung. Jeder Mitarbeiter musste zusätzlich 10 bis 15 Seiten Vertragsdetails unterzeichnen, die als rechtliche Grundlage dienten, damit Homeoffice überhaupt umsetzbar war.


Michael Kästner: Was sind für dich die Herausforderungen und Vorteile von Homeoffice?

Steven Rau: Homeoffice war für uns ein riesiger Lernprozess. Wir mussten geeignete Kommunikationswege für einzelne Themengebiete finden, um Training, Fachfragen und technische Supportanfragen zu klären oder um sich einfach mal persönlich auszutauschen. 

Ich habe Mitarbeiter im Unternehmen, die ganz klar sagen: "Ich möchte nicht nach Hause. Ich liebe es morgens gleich den ersten dummen Spruch an den Kopf zu kriegen. Ich mag es, dass wir in der Pause kickern oder dass wir uns bei den Verkäufen gegenseitig pushen."  Für diese Mitarbeiter haben wir ein rollierendes Schichtsystem eingeführt. So haben die Mitarbeiter die Möglichkeit, abwechselnd im Homeoffice und Büro zu arbeiten.

Auch ich als Arbeitgeber möchte den Kontakt zu den Mitarbeitern nicht verlieren. Manche lerne ich nur auf dem Papier kennen, weil ich den Arbeitsvertrag unterschreibe. Das finde ich unglaublich schade, weil es mir immer viel Spaß gemacht hat, persönlich etwas von den Leuten zu erfahren, die Geschichte zu kennen und die Mitarbeiter zu motivieren. Das ist für mich der größte Nachteil beim Homeoffice.

Natürlich entstehen durch Homeoffice auch viele Vorteile. Wir sind flexibler und produktiver in den Einsatzmöglichkeiten, können Split-Schichten planen und Mitarbeiter kontaktieren und fragen, ob sie bei Ausfällen netterweise kurz einspringen. Die Mitarbeiter haben ein neues Freiheitsgefühl, sparen den Arbeitsweg und können mehr Zeit mit der Familie verbringen.


Michael Kästner: Wird es bei dir im Unternehmen langfristig Homeoffice geben?

Steven Rau: Veränderungen im Unternehmen sind immer von beiden Seiten zu tragen. Von mir als Arbeitgeber, der den rechtlichen Rahmen und das Setup schafft, aber auch vom Arbeitnehmer, indem er sagt:

"Ich bin mir der Verantwortung bewusst, die mir übertragen wird und bin auch bereit, meinen Teil dazu beizusteuern." In dem Moment, wo ich merke, dass das Modell nicht funktioniert, muss man in einen gemeinsamen Austausch gehen und schauen, woran es liegt und natürlich darüber nachdenken, so etwas wieder rückgängig zu machen. Solange das nicht der Fall ist, würde ich weiter auf Homeoffice bauen.


Das komplette Interview auf YouTube (29 min):

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden


Das komplette Interview als Podcast: